Mythos Polarisierung?

Der Eindruck einer gespaltenen Gesellschaft ist weit verbreitet. Die empirische Forschung zeichnet ein anderes Bild.

Ist unsere Gesellschaft tief gespalten? Der öffentliche Diskurs legt das nahe. Doch die Forschung des Soziologen Steffen Mau kommt zu einem anderen Schluss. Im BC4D Digital Talk widersprach er dem verbreiteten Narrativ einer polarisierten Gesellschaft.

Mau zeigte: Der Eindruck von „Wir gegen die“ entsteht vor allem durch mediale Mechanismen. Komplexe Positionen werden vereinfacht, moderate Stimmen übertönt, Konflikte zugespitzt. Polarisierung hat Nachrichtenwert – Konsens nicht. Algorithmen sozialer Medien und ökonomischer Druck auf Redaktionen verstärken diesen Effekt.

Die stille Mitte ist größer als die lauten Ränder

Empirisch finden sich nur wenige Hinweise auf eine tatsächliche gesellschaftliche Spaltung. Die Mehrheit der Menschen lässt sich nicht eindeutig politischen Lagern zuordnen. Mau spricht von einer „Sowohl-als-auch“-Gesellschaft – im Unterschied zu den USA, die er als echte Zwei‑Lager‑Gesellschaft beschreibt.
Deutschland gleiche eher einem Dromedar als einem Kamel: mit einer breiten Mitte und einzelnen Themen, an denen Konflikte schärfer werden.

Diese Triggerpunkte – etwa Migration – emotionalisieren Debatten, ohne dass sich die grundlegenden politischen Einstellungen der Bevölkerung stark verändern. Was sich verändert hat, ist ihre Bedeutung für Wahlentscheidungen.

Warum Ränder stärker werden – trotz stabiler Einstellungen

Das Erstarken politischer Ränder erklärt Mau nicht mit wachsender Polarisierung, sondern mit strukturellen Veränderungen: Parteien verlieren Mitglieder und Integrationskraft, Vertrauen in Institutionen und gemeinsame Wahrheitsgrundlagen erodiert. In diesem Umfeld können Polarisierung gezielt genutzt werden, von politischen Akteuren, die von Zuspitzung profitieren.

Was gegen Polarisierung hilft

Mau plädierte für mehr Versachlichung und neue Formen des Dialogs. Bürgerräte zum Beispiel ermöglichten qualifizierte Meinungsbildung durch Austausch. Eine wichtige Rolle sieht er auch bei Unternehmen: Demokratische Erfahrungen im Arbeitsalltag stärken Selbstwirksamkeit – und damit die Widerstandskraft gegen populistische Vereinfachungen.

Ausblick: Keine Spaltung, aber eine offene Entwicklung

Deutschland, so Mau, bewege sich nicht zwangsläufig in Richtung einer gespaltenen Gesellschaft. Es gebe Polarisierungstendenzen – aber ebenso starke Gegenbewegungen. Der Wunsch nach Konsens ist weiterhin breit verankert, eine polarisierte Gesellschaft wird von vielen eher als Bedrohung wahrgenommen.
Besonders auf kommunaler Ebene und in der Zivilgesellschaft zeigten sich tragfähige Integrationskräfte. Mau verwies auf Wahlerfolge integrierender Kandidatinnen und Kandidaten, etwa in Potsdam oder Eisenhüttenstadt.

Fazit: Die Gesellschaft ist weniger gespalten, als wir es im öffentlichen Diskurs wahrnehmen. Die Herausforderung liegt weniger in den Einstellungen zu schwierigen Themen als darin, wie wir über sie sprechen.

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